HEKK

Unter dem Begriff HEMA (Historical European Martial Arts, also “Historische Europäische Kampfkünste”, kürzer “Historisches Fechten”) hat sich seit den 1990er Jahren eine neue Art von Kampfkunst bzw. -sport herausgebildet. Es geht um die Rekonstruktion und Wiederbelebung der historischen Traditionen und Schulen von bewaffnetem und unbewaffnetem Kampf, die ausgestorben sind, d.h. während längerer Zeit nicht mehr praktiziert wurden. Das bedeutet: Selbst in Fällen, wo allenfalls eine kontinuierliche Tradition besteht, wie z.B. das moderne Fechten ohne Unterbruch aus dem spätmittelalterlichen Fechten entstand, wird die gegenwärtige Tradition nicht berücksichtigt, sondern der Zustand zu einer bestimmten Epoche aus Quellen rekonstruiert.

Der Zusatz “europäisch” stellt v.a. eine Abgrenzung von den Schulen ostasiatischen Ursprungs dar, die unter martial arts während der 1960er bis 1980er mehrheitlich verstanden wurden. Tatsächlich ist engl. martial arts (und daraus dt. Kampfkünste) eine Lehnübersetzung aus dem japanischen bujutsu. Der entsprechende einheimische deutsche Begriff ist Fechtkunst (nb. mit der alten, allgemeinen Bedeutung von fechten = engl. fight). Ebenfalls abgegrenzt wird HEMA von der blossen “historisierenden” Darstellung von Kämpfen: HEMA befasst sich definitionsgemäss mit der Rekonstruktion, und soweit möglich der Wiedererlangung der historischen Künste. Dagegen ist ihre Darstellung in Choreographien (“Schaukämpfe” bzw. “Theaterfechten”) oft dominiert vom Ziel der Publikumswirksamkeit bzw. Dramatik. Hinter solchen Darbietungen kann, muss aber nicht, ein Training von historischen Techniken im Sinne von HEMA stehen.

Grundsätzlich öffnet sich damit eine unabsehbare Fülle von möglichen Disziplinen, aus jedem Land Europas und aus jeder historischen Epoche. De facto wird unter dem Begriff HEMA jedoch eine verhältnismässig überblickbare Zahl von Disziplinen unterschieden. Den Schwerpunkt bilden dabei die deutschen und italienischen Fechtbücher aus Spätmittelalter und Renaissance und die Rapier-Fechtstile der Barockzeit:

  1. frühe Kampfkünste vor 1300 (Antike und früheres Mittelalter): darunter fallen alle ‘indirekt’ rekonstruierten Traditionen, für die keine eigentlichen Lehrtexte überliefert sind (Rekonstruktion aus Archäologie, darstellender Kunst und literarischen Texten). Praktiziert werden v.a. Gladiatorenkampf und wikingerzeitlicher Kampf mit Schwert und Schild.
  2. Spätmittelalter und Renaissance (14., 15. und 16. Jh.)
    • Schwert und Buckler (hier ausnahmsweise Quellen seit dem Ende des Hochmittelalters)
    • langes Schwert (zweihändig geführtes Schwert)
    • andere Klingenwaffen: Dolch, langes Messer, Dussack, u.a.
    • Stangenwaffen
    • unbewaffneter Kampf (Ringen)
    • Kampf in Plattenrüstung (Harnischfechten)
    • Fechten zu Pferd (unbewaffnet oder bewaffnet, inkl. Tjost)
  3. Frühmoderne (16., 17. und 18. Jh.):
    • Rapier (spanische und italienische Schulen)
    • Säbel, basket-hilted sword (backsword, Pallasch, Highland broadsword)
    • Smallsword (Stossdegen). Aus dem Duellfechten des 18. Jh. entwickelt sich schliesslich im 19. Jh. das moderne Sportfechten.

Alle die genannten Disziplinen werden heute in rekonstruierter Form wieder praktiziert. Am populärsten sind dabei das lange Schwert, Schwert und Buckler sowie das Rapier.

Dabei unterscheiden sich diese Kampf- bzw. Fechtstile von modernem Fechten nicht nur und nicht primär durch die Verwendung historischer Waffen, sondern v.a. durch die breitere Palette von zulässigen Techniken: die freie Schrittarbeit erlaubt Umkreisen des Gegners und seitliche Attacken (im Gegensatz zur modernen Fechtbahn) und die (historische, intendierte) Anwendbarkeit auf Selbstverteidigungs-Situationen (bzw. Duelle) erlaubt neben Attacken mit der Klinge auch Entwaffnungen, Hiebe mit dem Gefäss der Waffe bzw. mit blosser Hand sowie Ringtechniken wie Hebel und Würfe.